College-Fonds oder frühes Vorlesen?



Meine Kinder liebten es, mit mir und dem Papa auf dem Sofa zu sitzen und gemeinsam ein Bilderbuch anzuschauen. Es vermittelte ihnen ein Gefühl der Geborgenheit. Dieses positive Gefühl wird von ihnen nun lebenslang in Verbindung gebracht mit Büchern und Lesen.
In der Kleinkind-und Vorschulphase habe ich bemerkt, dass das Angebot, gemeinsam ein Bilderbuch anzuschauen, sogar so effektiv war wie das Nuscheli oder der Nuggi. Wenn die Kinder also traurig waren und weinten, reichte es oft, wenn ich anbot, dass sie sich ein Bilderbuch aussuchen konnten und ich es ihnen vorlas!

Das Vorlesen bringt Familien nicht nur näher zusammen, es birgt auch ganz andere Vorzüge.



Vorlesen?! Was bringt das?

Eines ist klar: 90% der Kinder mögen es, wenn man ihnen vorliest und man kann fast nicht genug früh damit beginnen. Forscher empfehlen, Kleinkindern bereits ab 3 Monaten vorzulesen und nicht damit aufzuhören, «nur» weil sie später selber lesen können.

 

Weil beim Vorlesen die Fantasie der Kinder gefördert wird, hat dies nicht nur Auswirkungen auf ihre Kreativitätsentwicklung, sondern auch auf ihr Gehirn: durch die gedanklichen Vorstellungen entstehen neue Verbindungen zwischen den beiden Gehirnhälften: sogenannte Synapsen.

 

Das Vorlesen fördert ebenfalls die Konzentration und Empathie der Kleinsten. Denn durch vorgelesene Geschichten kann sich ein Kind vorstellen, wie sich jemand in einer bestimmten Situation fühlen könnte oder wie man lernt, eigene Gefühle wie Wut, Trauer oder Freude auszudrücken.

Aber auch auf die Bildung der Kinder kann das Vorlesen Einfluss haben: laut einer Studie der Stiftung Lesen fällt 80% der Kinder, denen regelmässig vorgelesen wird, später das Lesenlernen leichter.

Ein schöner Nebeneffekt, der aber keinesfalls unterschätzt werden sollte, ist das Zusammengehörigkeitsgefühl, das beim Vorlesen entsteht: viele Kinder lieben es, wenn sie sich neben ihre Eltern auf die Couch setzen, sich gemütlich anlehnen und einkuscheln dürfen und dabei ein Bilderbuch vorgelesen bekommen. Ob dies in Mundart oder auf Hochdeutsch geschieht, sei dem Vorlesenden überlassen. Klar ist aber, dass auch für Vorschulkinder das hochdeutsche Vorlesen oft keine Probleme darstellen. Wenn sie nicht alles verstehen, ist dies nicht allzu tragisch oder die Kinder fragen selber nach, was denn dies oder jenes Wort bedeute.

 

Der Nachhaltigkeit halber empfiehlt es sich, bald nach der Geburt des Kindes ein Bibliothek-Abo zu lösen, was in den meisten Bibliotheken für Kleinkinder kostenlos ist. Im besten Fall hat man damit eine sinnvolle Investition in die kindliche Entwicklung getätigt und damit eine optimale Ausgangslage geschaffen.



Geschichten erzählen oder Storytelling

Jeder, der sich in den letzten 6 Monaten mit Digital Marketing befasst hat, muss bemerkt haben, dass Geschichten oder eben Stories wieder top aktuell sind. Der neuste Trend besagt, dass Menschen durch Geschichten gewonnen werden wollen. Wer also etwas verkaufen will, muss die passende Story liefern, die die Zielgruppe zum Kauf motivieren soll. Natürlich fesselnd, realistisch, begeisternd, motivierend und NICHT verkaufend.

Laut dem Storytelling-König (von der Firma Blockbuster) sei es auch für Zahnärzte und Bestatter möglich, eine fesselnde Geschichte zu erzählen. Diese Kunst müsse man jedoch im kostenpflichtigen online-Kurs erlernen...

 

Geschichtenerzählen habe schon seit Beginn der Menschheit dazugehört. Man bedenke alle Geschichten und Gleichnisse, die die verschiedenen Religionen liefern. Meistens dienen diese der Erklärung über die wichtigen Lebensthemen, sowie der Annäherung der jeweiligen Gottheit.

Dennoch haben sie aber auch einen Unterhaltungseffekt. Wie z.B. die Geschichte von Abraham oder David und Goliath.

 

In der Steinzeit sei man – mangels alternativer Unterhaltungs-Angebote – abends ums Lagerfeuer gesessen und habe einander Geschichten erzählt. Das sei mitunter auch Bildung für die Jüngeren der Gruppe gewesen und könnte schon damals zu den oben beschriebenen Synapsen zwischen den Hirnhälften geführt haben.

Das Geschichtenerzählen habe zum sozialen Zusammenhalt beigetragen, was schlussendlich dem Überleben dienlich war.

Auch zu dieser Zeit habe es illustrierte Geschichten gegeben, man denke an die vielen Höhlenmalereien, die bis heute erhalten geblieben sind. Mancher Bilderbuch-Autor wäre froh um einen Bruchteil dieser Langlebigkeit seiner Bücher.



Bilderbücher im 21. Jahrhundert

Für alle, die sich gerne oder lieber in der Welt der digitalen Medien aufhalten, ermöglichen viele Bilder- und Kinderbuch-Apps die Gelegenheit, sich auszutoben. Dank solcher Angebote können Bilder angeschaut und Texte vorgelesen, integrierte Animationen und Geräusche genutzt werden und viele Apps bieten sogar die Möglichkeit einer Vorlese-Funktion. 75% der befragten Eltern einer Studie der Stiftung Lesen gaben an, dass sich ihre Kinder durch die Apps besser zum Lesen motivieren liessen.



Kreatives Bilderbuch-Anschauen

Wer mit einer kleinen Gruppe ein Bilderbuch anschauen möchte, sei dies in der Spielgruppe, im Kindergarten oder bei einem Kindergeburtstag, könnte von folgendem Vorschlag begeistert sein:

 

Bilderbuch-Kino:

Dabei werden die Bilder eines Bilderbuches per Scan-App oder mit dem Scanner eingelesen. Diese können dann via Beamer an eine Wand projiziert werden. Die Grösse vom schlussendlichen Bild kann manuell eingestellt werden, so dass die Kinder mit der Bildgrösse nicht überfordert sind. Um den Kindern ein maximales Erlebnis zu bieten, kann der Raum verdunkelt und den Kindern Popcorn und/oder ein Smoothie angeboten werden. 

Der Unterschied zum bewegten Bild ist, dass sich die Kinder noch ganz viel selbst ausdenken müssen, um die Geschichte zu komplettieren. Sie partizipieren quasi zur Vollendung der Geschichte, was in einem Film für sie erledigt wird.



Vorlesen im ersten Lebensjahr

Leider findet Vorlesen bei über einem Viertel aller befragten Eltern zu wenig Beachtung. Auch mir war nicht bewusst, dass ich unseren Kindern schon ab 3 Monaten hätte vorlesen sollen. Das Vorlesen hat in unserer Familie erst ab dem zweiten Lebensjahr einen festen Platz gefunden. In meinem Fall war ich vorher einfach zu beschäftigt mit dem nackten Überleben von Tag zu Tag. Ich hatte damals keine Kraft und keinen Sinn für irgendetwas anderes als den Tagesablauf zu organisieren und zu managen und dabei selber nicht von den Anforderungen als Mutter übermannt zu werden.

 

Im Wissen darum würde ich meinem 10 Jahre jüngeren Selbst mitteilen, dass es doch schon vor der Geburt einige tolle Bilderbücher anschaffen sollte, damit dies nicht nach der Geburt, wenn der Überlebens-Modus im Schlafmangel-Zustand eingeschaltet ist, organisiert werden muss.

Sobald mir aber die Wichtigkeit des Vorlesens bewusst war, habe ich mich sehr darum bemüht, meinen Kindern die Vorteile des Vorlesens nicht vorzuenthalten. Wir machten aus dem Bibliotheks-Besuch ein Programmpunkt in unserem Monatsplan, einmal in die Bibliothek zu gehen und dort 10 Bilderbücher (pro Kind!) zu entlehnen. 



Top 5 Bilderbücher

Die Bilderbücher, die in unserem Haushalt am meisten Beachtung fanden, waren folgende:

  • Wimmelbücher (Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Nacht) von Frau Rotraut Susanne Berners (Gerstenberg Verlag)
  • Ich bin die kleine Katze von Helmut Spanner (Ravensburger Verlag)
  • Conny Bücher von Liane Schneider und Eva Wenzel-Bürger (Carlsen Verlag)
  • Barbapapa von Tison / Taylor (atlantis Verlag)
  • Papa Moll von Jürg Lendenmann und Rolf Meier (Globi Verlag)

 

Da wir nicht alle diese Bilderbücher besassen, haben wir sie im 2-Monats-Takt von der Bibliothek entlehnt. Dabei wurde es den Kindern nie langweilig, auch wenn sie das Buch zum 5. Mal entliehen und die Geschichten bald schon einander auswendig erzählen konnten.



Fazit

Kurz gesagt, Kinder, denen in der frühen Kindheit vorgelesen wurde, haben später viele Vorteile. Das Institut für Lese-und Medienforschung der Stiftung Lesen sagt, dass solche Kinder später

  • selber öfter und länger lesen, weil sie daran Freude haben
  • in der Schule möglicherweise dadurch bessere Noten haben (1/3 Noten besser)
  • musisch, kreativ und physisch aktiver sind als Kinder, denen wenig oder gar nicht vorgelesen wurde.

 

Leseförderung zahlt sich für Kinder also aus.

Wer nun in die Zukunft seiner Kinder investieren will, dem sei empfohlen, nicht nur einen Ausbildungs-Fond zu eröffnen, sondern das Kleinkind so früh als möglich in die Welt der Bücher einzuführen und das Heranführen an das Lesen behutsam und ohne Druck aufzubauen.



Empfehlungen der Stiftung Lesen für Säuglinge und Kinder sind zu finden unter: https://www.netzwerkvorlesen.de/download.php?type=documentpdf&id=2127

 

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Liebe Grüsse,

Marlise Zweifel





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